Was ich als Lehrer wirklich in den Ferien mache

Was ich als Lehrer wirklich in den Ferien mache

29.07.2019 Off By Peter Hilti

Kolumne von Jan-Martin Klinge auf Focus.de

Gerne stelle ich den am Montag, den 29. Juli 2019 auf Focus.de erschienenen Beitrag von Jan-Martin Klinge in meinem Blog zur Verfügung. Wie immer versteht es Jan-Martin hervorragend auf pointierte und kompetente Art und Weise darzulegen, was (die meisten) Lehrpersonen in ihrer Ferienzeit tun. Die gängige Volksmeinung ist nachwievor, dass mit dem Beginn der langen Sommerferien auch die Tätigkeit der Lehrpersonen abrupt endet und mit dem Klingeln zur ersten Lektion im neuen Schuljahr die Lehrpersonen 5 Minuten vorher das erste Mal wieder ins Klassenzimmer pilgern, um nachzusehen, ob noch alles da ist wo es hingehört.

Ich erlebe die meisten Lehrpersonen so wie Jan-Martin. Ständig auf der Suche nach neuen, aktuellen und interessanten Aufgabenstellungen. Schon oft habe ich mich im Urlaub dabei erwischt wie ich architektonische Besonderheiten fotografiere, um zu überprüfen ob ich daraus eine Mathe-Aufgabe basteln kann.

Originalbeitrag von Jan-Martin Klinge

(gefunden auf Focus.de)

Ich bin Lehrer. Kürzlich fragte mich eine Schülerin, was ich denn in den Ferien so mache. Für sie gehöre ich einfach zum Inventar im Klassenzimmer. Meinen Schwiegereltern geht’s ähnlich, für sie ist Lehrersein kein richtiger Beruf. Tatsächlich konnte ich mir als Kind auch nicht vorstellen, was Lehrer in den Ferien anstellen. Jetzt weiß ich’s.

“Sagen Sie mal, Herr Klinge, was machen Sie eigentlich, wenn wir in den Ferien sind?”, fragt mich Chiara (Name geändert), eine meiner Fünftklässlerinnen, kurz vor den Sommerferien.

Ich musste schmunzeln. Als Kind hatte ich offenbar ähnlich wie Chiara die irrige Vorstellung, meine Lehrer würden in der Schule leben. Nachmittags würden sie in einer Art Stand-by-Modus versinken und während wir Kinder uns in die Ferien verabschiedeten, würden unsere Lehrerinnen und Lehrer die Zeit im Klassenschrank verbringen.

Jan-Martin Klinge

Jan-Martin Klinge ist Lehrer, Vater und Blogger. Auf FOCUS Online schreibt er in loser Folge mit liebevollem Blick über das, was er in der Schule erlebt. Über Kinderfragen, Lehrerprobleme und ein bisschen darüber, was die Bildungspolitik in der Praxis so bedeutet. Übers Leben eben. Mehr von Jan-Martin Klinge finden Sie auf seinem “Halbtagsblog”.

Für meine Schwiegereltern ist Lehrersein keine richtige Arbeit

Heute bin ich selbst Lehrer und stelle fest: Meine Schüler unterliegen der gleichen Annahme. Für sie bin ich, nach einem Schuljahr gespickt mit Alltäglichem und Besonderem, fest mit dem Klassenzimmer verbunden – dass auch ich die Ferien nötig habe, kommt ihnen gar nicht in den Sinn.

Bei meinen Schwiegereltern ist übrigens genauso: Sie haben ihr Leben lang mit den Händen gearbeitet. Für sie ist das, was ich mache, keine richtige Arbeit. Warum ich nach einem langen Schultag keine Energie mehr für die Gartenarbeit habe, erschließt sich ihnen nicht.

Die Sache mit dem Regenbogen und der Fanta

Dabei ist so ein Schuljahr ganz schön anstrengend: Neben Unterricht stehen auch Korrekturen, Elterngespräche, Organisatorisches und viel Papierkram an.

Ein Projekt aus den vergangenen Jahren ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Mit einer siebten Klasse sind wir im Physikunterricht der Frage nachgegangen, wie denn ein Regenbogen entstehe.

Es wurden Ideen aufgeworfen, Experimente geplant und auch durchgeführt. Mit einer Sprühflasche haben wir auf dem Schulhof einen wunderbaren Regenbogen erzeugt. Gutes Wetter, gute Physikkenntnisse und ein bisschen Laune.

“Herr Klinge”, meldet sich einer meiner Jungs. Eines jener Kinder, die in ihrem Leben immer wieder positive Rollenvorbilder brauchen. “Herr Klinge, könnte man auch einen Regenbogen machen, wenn da Fanta drin wäre?”

Tja. Keine Ahnung.

Viel Gelächter, viel Blödsinn

Aber ein Grund mehr, mit den Kindern am Folgetag wissenschaftlich zu forschen. Geht das? Wenn ja, warum? Wenn nicht, warum nicht? Zeigt der Fanta-Regenbogen womöglich andere Farben? Ist er nur Gelb? Oder womöglich gerade nicht gelb ?

Zahlreiche Fragen. Viel Gelächter. Eine Menge Blödsinn. Und sehr, sehr, sehr viel Liebe.

Sich auf die Kinder einzulassen, kostet viel Liebe – und Energie

In solchen Momenten entspricht das, was ich tue, nicht so sehr einem Handwerk, als vielmehr einer künstlerischen Tätigkeit. Es geht nicht nur darum, ein Tafelbild zur Lichtbrechung anzuzeichnen, sondern in den Kindern neue Fragen zu erzeugen. Forschergeist zu wecken.

Am Ende solcher Tage und Wochen falle ich zu Hause eben nur noch auf die Couch.

Ferien bedeutet für mich, Abstand zu gewinnen von all den Dingen, die im Alltag an mir zerren. Den nächsten zehn Unterrichtsstunden. Dem Organisieren des nächsten Klassenfahrt. Schüler-Eltern-Kollegengesprächen.

Bildungsreport

Gesellschaftlicher Wohlstand und ein selbstbestimmtes Leben – dafür brauchen wir höchste Bildungsstandards – nicht nur für privilegierte Schichten. Im Bildungsreport zeigt FOCUS Online, vor welchen Herausforderungen Deutschland steht. Und stellt Menschen, Ideen und Projekte vor, die unsere Kitas, Schulen und Universitäten besser machen.

Die ersten Tage meiner Sommerferien mache ich einen auf Murmeltier

Die ersten drei Tage meiner Sommerferien verschlafe ich fast vollständig. Es ist jedes Mal, als würde mein Körper den Schlaf eines ganzen Jahres nachholen wollen. Erst danach finde ich Zeit für den Garten. Und den Hühnerstall.

Aber schon bald, nach wenigen Tagen, fange ich an, kreativ zu denken. Lese von einem Lehrer aus Frankreich, der mit seinen Schülern eine mittelalterliche Version seiner Heimatstadt im Computer nachgebaut hat und fange an zu grübeln, wie ich diese Idee aufgreifen könnte.

Arbeit, von der man von außen nichts sieht

Ich stolpere über Schulklassen, die das Sonnensystem im richtigen Maßstab in ihrer Stadt nachgebaut haben und überlege, ob sich meine eigene darüber freuen würde. Ich bekomme wieder Lust auf kreative Projekte und lese und denke und plane. Vieles entsteht, während ich durch den Wald spaziere. Ich erstelle Spiele und Experimente, plane Unterrichtsreihen und Tagesexkursionen.

Wieder keine Arbeit, die man nach außen sieht. Wieder nichts, was meine Schwiegereltern davon überzeugt, dass ich einen richtigen Beruf habe.

Aber auch wir Lehrer brauchen Ruhe und Abstand, damit wir Ende August wieder gut gelaunt aus dem Klassenschrank springen und Chiara gut gelaunt zurufen können: “Auf geht’s, in ein neues, aufregendes Jahr!”